Mark Carney: Klimabilanzen stimmen nicht mit der Realität überein

Seth Klein untersucht, warum Kanadas neuer Premierminister trotz seiner gefeierten Klimareden und seiner Rolle bei der UN nicht der Umweltverfechter ist, den sein Lebenslauf vermuten lässt.
Internationale Beobachter, die die Entwicklung der kanadischen Politik beobachten, könnten natürlich davon ausgehen, dass sich das Land einen Klimaführer an der Spitze gesichert hat. Schließlich ist Kanadas neu ernannter Premierminister im krassen Gegensatz zu den Kehrtwende in der Umweltpolitik, die Donald Trumps USA durchzieht, eine Persönlichkeit mit tadellosen Klima-Referenzen. Dies ist ein Mann, der während seiner Amtszeit als Gouverneur der Bank of England eine bahnbrechende Rede mit dem Titel „Breaking the Tragedy of the Horizon“ im Jahr 2015 hielt, in der er die globale Finanzinvestitionsgemeinschaft vor den erheblichen Risiken warnte, die der Klimawandel für die wirtschaftliche Stabilität und langfristige Renditen mit sich bringt. Sein Lebenslauf geht noch weiter und umfasst unter anderem eine herausragende Rolle als UN-Sondergesandter für Klimaschutz und Finanzen, Positionen, die seinen Ruf als ernstzunehmende Stimme in Umweltfragen gefestigt haben.
Mark Carneys intellektuelle Kompetenz in Klimafragen erscheint noch beeindruckender, wenn man sein 2022 erschienenes Buch Value(s) untersucht, in dem er der Charakterisierung des Klimawandels als „existenzielle Bedrohung“, die dringendes globales Handeln erfordert, große Aufmerksamkeit widmete. In jüngerer Zeit erregte seine Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos internationale Aufmerksamkeit für seine anspruchsvolle Analyse, wie Mittelmächte dem Druck globaler Supermächte effektiv widerstehen können. Für gelegentliche Beobachter, die Schlagzeilen aus dem Ausland lesen, vermittelt Carney ein Bild von Gelassenheit, intellektueller Strenge und Stabilität – genau die Art von Führung, die man sich in einer Zeit beispielloser geopolitischer Volatilität und Umweltkrisen erhoffen kann. Der Kontrast zu den Vereinigten Staaten könnte kaum größer sein und Kanada scheint sich auf einem grundlegend anderen Weg zu befinden.
Diese sorgfältig kuratierte öffentliche Darstellung verdient jedoch eine genauere Betrachtung. Seth Klein, ein erfahrener kanadischer Klimaautor und Umweltaktivist, bringt eine kritische Perspektive in diese Erzählung ein. Klein ist der Autor von „A Good War: Mobilizing Canada for the Climate Emergency“, einer umfassenden Untersuchung darüber, was eine echte Klimamobilisierung von der kanadischen Gesellschaft und Regierung erfordern würde. Sein Hintergrund im Klimaaktivismus und in der Politikanalyse versetzt ihn in die Lage, fundierte Kommentare zur Kluft zwischen Carneys rhetorischen Schnörkeln und seinen tatsächlichen politischen Verpflichtungen abzugeben.


